<
  2003   2010   2011
   

Home
Magus Tag Programm
Preisfrage
Hamann
Publikationen
Förderpartner
Kontakt/Impressum

 

Laudatio auf den Magus-Preisträger 2011
Franz Josef Czernin


"Ohne Wort, keine Vernunft – keine Welt". Unter diesem Diktum Hamanns haben die 1. Magus Tage Münster 2010 aus unter­schiedlichen Perspektiven nach dem Zusammenhang von Sprache und Denken gefragt. Die 1. Magus-Preisfrage fokussierte die Frage nach dem Zusammenhang von Denken und Sprache auf die Poesie. Kurz umrissen lautet sie folgendermaßen: Inwiefern kann poetische Sprache heute Instrument und/oder Medium eines Denkens und Fühlens sein, das ohne sie weder möglich noch mitteilbar wäre? Ausgeschrieben war die Magus-Preisfrage folgendermaßen:

"Sowohl von der gewöhnlichen Sprache des Alltags als auch von den Fachsprachen der Wissenschaften und der Technik unterscheidet sich poetische Sprache. Angenommen, jeder dieser Sprachtypen repräsentiert und ermöglicht eine je spezifische Weise des Denkens und der Wahrnehmung der Welt: was und wie erkennt die poetische Sprache anderes oder anders als jene Sprachen, in denen wir uns im Alltag und in den Wissenschaften mit der Welt, uns selbst und anderen verständigen, in denen wir unsere gewöhnlichen bzw. experimentell gesteuerte Erfahrungen machen, erfassen, kommunizieren? Wenn verschiedenen Sprachformen je besondere Formen des Denkens und Wahrnehmens zugehören, wie bestimmt sich poetische Vernunft und das Denken und Wahrnehmen der Poesie? Inwiefern kann eine poetische Sprache Instrument und/oder Medium eines Denkens und Fühlens, einer Erkenntnis- und Erfahrungsform sein, die ohne sie weder möglich noch kommunizierbar wäre? Und wie wäre eine genuin poetische Denkform – auch im Unterschied zu anderen Formen ästhetischer Erfahrung – zu charakterisieren? Wie kann heute sinnvoll von poetischer Vernunft gesprochen werden?"

175 Antworten von Schriftstellern, Journalisten und Wissenschaftlern aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und anderen europäischen Ländern gingen bei der GWK ein. Die Wettbewerbsbeiträge wurden für die Jury anonymisiert. Die Juroren Dr. Thorsten Ahrend, Lektor des Wallstein Verlags in Göttingen, Katharina Hacker, Schriftstellerin (Berlin), Prof. Dr. Eva Kocziszky, Germanistin (Budapest, Köln) und Dr. Peter Waterhouse, Schriftsteller und Germanist (Wien) sprachen Franz Josef Czernin für seinen Beitrag „AESTHETICA. IN. NUCE. Eine Rhapsodie in Kabbalistischer Prose – und ein dialogischer Widerhall“ den 1. Magus-Preis zu.

"AESTHETICA. IN. NUCE. Eine Rhapsodie in Kabbalistischer Prose – und ein dialogischer Widerhall" inspiriert sich vorwiegend an Hamanns wirkmächtiger Schrift "AESTHETICA. IN. NUCE. Eine Rhapsodie in Kabbalistischer Prose" (1762) und, weniger prominent, an brieflichen Bemerkungen Hamanns. In der Ausschreibung war nicht verlangt, dass die Antworten sich auf Hamann beziehen. Ob ein Text das tat oder nicht, war demzufolge auch für die Jury kein Qualitätskriterium. Dass Sie, lieber Herr Czernin, sich dennoch direkt auf einen Schlüsseltext Hamanns beziehen, spricht, so glaube ich, für die Produktivität einer Auseinandersetzung mit Hamann noch heute.

Franz Josef Czernin legt in seiner Preisantwort Hamann nicht aus, sondern denkt dem "Magus" nach und mit ihm (und anderen) weiter. Sein "dialogischer Widerhall" gliedert sich in elf Kapitel. Der Text besteht aus ausgewählten Kurzzitaten Hamanns, Kernsätzen seiner Ästhetik, die jeweils ein Kapitel quasi überschreiben bzw. hier und da auch in den Text eingestreut sind und die, so herausgehoben, aphoristischen Charakter erhalten, und aus 173 Aphorismen Czernins selbst. In ihnen sind Denken, Fühlen und Dichten, sind Literatur, Philosophie und Leben untrennbare Einheit. Das macht das Faszinierende und Provozierende dieser Preisantwort, neben dem hohen Reflexionsgrad des Gedachten und der Tiefe des sinnlich und seelisch Gefühlten selbst, aus. Denn der Dichter spricht nicht allein über eine mögliche poetische Vernunft, er bestimmt eine genuin dichterische Denkform, genauer: eine ganzheitliche Erfahrungsform nicht diskursiv, sondern er redet in und aus poetischem Erfahren selbst – und verlangt durch diese Textform zugleich, dass seine Rezipienten ihrerseits sich auf eben diese Erfahrungsform einlassen. Franz Josef Czernin tut mit seinem Text das, worüber er redet: Er spricht über Dichtung dichterisch und macht damit die wohl wichtigsten Konstituenten der Dichtung, ja die poetische Erfahrung selbst, für den Leser sowohl sachlich reflektierbar als auch, und das in erster Linie, am eigenen Leib bewusst erfahrbar. Und seine Form der Auseinandersetzung mit dem Thema erscheint zwingend. Der Text packt und zieht uns, jedenfalls ging es der Jury so, zum Mitvollzug in sich hinein und wirbelt unser Denken durcheinander. Denn hier werden in lakonischen Geistesblitzen keine letztgültigen Antworten gegeben, die man als sicheres Wissen davon, was Dichtung und eine poetische Vernunft denn seien, quasi unter den Arm nehmen, zu den Akten legen und abhaken kann. Franz Josef Czernins „dialogischer Widerhall“ stellt uns die Poesie nicht als objektiv definierbare Sache gegenüber. Sein Text ist vielmehr ein lebendiger Prozess, in dem diverse Bestimmungsmomente von Poesie aufblitzen, aus unterschiedlichen Perspektiven kurz beleuchtet, spielerisch ausprobiert werden und wie ein Echo sich zugleich entfernen und weiterhallen.

Viele Themen sind mehrstimmig angestoßen. Es geht etwa um Mehrdeutigkeit und Dunkelheit, das Verhältnis von Ausgesprochenem und Ausgespartem, Verschwiegenem, Ausgelassenem, um Körper und Wort, um Metaphorik und Wörtlichkeit, Bild und Abbild, um die Struktur des Wortes, seine Lautform und seine Buchstabenform, seinen Bezug zur Welt, um Denotation und Konnotation, um Logik und Paradox, Gedicht und Geschichte, Poesie und die Toten, das Ganze und seine Teile, um’s Übersetzen, um Schönheit der Sprache, es geht um das Spannungsfeld "Wissenschaft – Alltag – Poesie", das Verhältnis von Form und Inhalt einer Aussage, die Beziehung zwischen dem Sprecher und seiner Rede, dem Autor und seinem Text, dem Text und seinen Leserinnen und Lesern, um Subjektivität und Objektivität.
Franz Josef Czernins "dialogischer Widerhall" schafft, historisch bewusst, im Bezug auf Hamann und andere Vorläufer, neue und zeitgemäße Räume des Widerhalls. Seine Preisantwort ist Dichtung als Prozess, als subjektiver Prozess, der sich als konstitutiv subjektiv und als bewusst subjektiver Prozess reflektiert. Er tut dies so poetisch, dass dieser Prozess in den Köpfen und Körpern der Rezipierenden – so frei wie Hamanns "AESTHETICA. IN. NUCE" in Czernins Text – nachhallt und in den Rezipierenden Prozesse freisetzt, in denen sie genau das an sich selbst erfahren können, wovon der Text redet und was er ist: Dichtung. Oder mit zwei Aphorismen Franz Josef Czernins selbst: "Apfel: Ein Zusammenhang, den du nicht herstellen kannst, erzeugt eine endlose Reihe von solchen, die du herstellen solltest." Und mir scheint, der Magus-Preisträger kommt mit seinem Text nicht nur jenem Willen nach, den er als das Als-ob der Poesie an einer Stelle ausspricht, sondern er erzeugt das Gewollte selbst tatsächlich, nämlich bezogen auf das poetische Nachsinnen über Dichtung und über seinen Text, im echten Leben: "Als wollte die Poesie den wirklichen Sturm in ihrem Wasserglas erzeugen."

Dr. Susanne Schulte


Die Jury des 1. Magus-Preises (mit Dr. Susanne Schulte, GWK):
Dr. Peter Waterhouse, Schriftsteller und Germanist, Katharina Hacker,
Schriftstellerin, Dr. Thorsten Ahrend, Lektor des Wallstein Verlags,
Prof. Dr. Eva Kocziszky, Germanistin (v.l.n.r.).